Rezension: Das anständige Unternehmen von Reinhard K. Sprenger

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Sind Unternehmen distanzlos geworden? Behandeln sie Menschen wie Kinder? Forschen sie Mitarbeiter gnadenlos aus, um sie zu normen und ein bitteschön „konformes Verhalten“ statt Individualität zu fordern und fördern? Reinhard Sprenger, Philosoph, Unternehmer, Speaker und Management-Autor ist davon überzeugt. Ein Streifzug durch die heutige Unternehmenskultur – mit vielen interessanten Fragen und wenigen Antworten.

In klarer Sprache, manchmal polemisch aber immer entschieden, plädiert Sprenger in seinem neuen Buch Das anständige Unternehmen. Was richtige Führung ausmacht und was sie weglässt für einen anderen Umgang von Unternehmen und Führungskräften mit ihren Mitarbeitenden. Sprenger stellt die These auf, dass es in Unternehmen oft am Anstand mangelt, wobei er Anstand als Zurückhaltung und Distanz versteht. Sprenger beklagt jedoch gleichzeitig ein Übermaß an Zudringlichkeit, etwa in Form von Befragungen, falsch verstandener Fürsorge oder Einforderung von Identifikation, bei der oft Frei- und Spielräume verloren gehen, Grenzen überschritten und individuelle Unterschiede nivelliert werden.

Sprenger will anhand von fünf Prinzipien mit insgesamt vierundzwanzig „Gegenständen“ aus dem Unternehmensalltag genau dies nachweisen: dass Menschen in Unternehmen vereinnahmt, infantilisiert und therapeutisiert werden. Diese Prinzipien formulieren gleichzeitig auch seine Forderungen ans Management und lauten: 1. Betrachte Mitarbeiter nicht als bloße Mittel. 2. Behandle Mitarbeiter nicht wie Kinder. 3. Versuche nicht, Menschen zu verbessern. 4. Verletze nicht die Autonomie von Mitarbeitern. 5. Bezeichne nichts als alternativlos. Von Authentizität und anonymen Mitarbeiterbefragungen, über Bürokratie, Englisch als Unternehmenssprache, Feedback, Frauenförderung, Führungsstil und Gesundheitsförderung, über Management, Mitarbeiterbindung und Motivierung, bis hin zur Wertschätzung: Sprenger holt zum Rundumschlag aus und betont die „positive Kraft des negativen Denkens“, um sich der „negativen Kraft des positiven Denkens“ entgegenzustellen.

Sprenger ist überzeugt, dass es vor allem darauf ankommt, dass Unternehmen Dinge unterlassen. Er fordert statt einer Normierung der Mitarbeiter eine Konzentration auf die eigentlichen Unternehmensziele: das Geschäft mit dem Kunden. Die Frage „Bezahlt uns der Kunde dafür?“ solle im Mittelpunkt aller Unternehmensaktivität stehen. Außerdem plädiert

Sprenger für ein Menschenbild, bei dem Unternehmen und Vorgesetzte die Mitarbeiter als kompetente Erwachsene und Verhandlungspartner auf Augenhöhe betrachten, denen man vertrauen kann und die selbstverantwortlich entscheiden und denen man den Preis ihrer Entscheidungen zumuten kann. Sein Plädoyer dafür klingt zeitweilig nach Fundamentalopposition. – Ich habe mir beim Lesen die Frage gestellt, ob Sprenger denn, als er selbst in verantwortlicher Position war, nach diesen seinen eigenen Maximen agiert hat.

Sprenger durchwandert in Das anständige Unternehmen eine Vielzahl an Themen. Es wirkt fast, als habe er sich vorgenommen, zu jedem Thema etwas schreiben. Er wirft damit viele Fragen auf, bietet aber erstaunlich wenige Antworten und Lösungsansätze. Die Begründung dafür liefert er auf Seite 353: „Ich verteidige das Recht zu kritisieren, auch ohne einen besseren Gegenvorschlag zu haben.“ Ein Beispiel: Das Thema Feedbackgespräche. „Offenbar sind Feedbackgespräche etwas, was alle haben, aber niemand will“ – aus meiner Erfahrung mit Führungskräften und Mitarbeitern eine durchaus nachvollziehbare Aussage. Aber was wäre dann die Alternative? Darauf hoffen, dass Mitarbeiter sich schon richtig verhalten und die geforderte Leistung bringen? Dies setzt reife Mitarbeiter mit hoher Eigenverantwortlichkeit voraus. Was also tun, wenn dies nicht gegeben ist? Unpassende Mitarbeiter entlassen und neue Mitarbeitende suchen? Wäre das realistisch? Oder ist es eben nicht doch besser, zunächst einmal in gemeinsamen Gesprächen herauszufinden, wie weit sich Mitarbeiter entwickeln können?

Sein Galopp durch die unternehmerische Themenlandschaft gleitet zuweilen auch in philosophische Exkurse ab. Ein weiteres Beispiel: Im achtseitigen Kapitel über „Wertschätzung“ geht es erst um den etymologischen Wandel des Begriffs und dann um die Frage, ob Wertschätzung ohne Leistung als Gegenwert überhaupt möglich und sinnvoll ist. Dabei scheint Sprenger mit der etymologischen Bedeutung des Begriffs aus dem frühen 19. Jahrhundert zu arbeiten, denn er grenzt Wertschätzung massiv von dem Begriff Menschenwürde ab – erstes ist an Leistung gekoppelt, zweites ein Menschenrecht. Auch hier bietet er viel Gedankenakrobatik, wenig konkrete Handlungsimpulse. Diese Exkurse sind zwar interessant, aber möchte das jeder lesen?

Eines erreicht Sprenger damit aber: Der Leser setzt sich kritisch mit den Auswüchsen der heutigen Wirtschaft, der Unternehmenskultur und den Auswirkungen auf die Mitarbeitenden auseinander. Tricksereien und geheime Absprachen, extrem hohe Managergehälter auf der einen Seite bei gleichzeitiger Lohnsenkungen und Arbeitsverdichtung auf der anderen Seite, mit den Folgen: Burnout, Demotivation und innere Kündigung.

Ist dieses Buch also nur eine Streitschrift, die Vorständen, Geschäftsführern und dem hohe Management die Leviten liest? Sie sind es schließlich, die den größten Einfluss auf die Unternehmen ausüben. Oder ist es eine Motivationsschrift, die sich an den einzelnen Mitarbeiter und Führungskräfte richtet, um das eigene unternehmerische Umfeld kritisch zu hinterfragen und erste Veränderungsprozesse zu initiieren?

Ich finde, beide Gruppen sollten das Buch lesen: die Unternehmenslenker, weil sie durch ihre Entscheidungen einen wesentlichen Einfluss auf das Leben der in ihren Unternehmen beschäftigten Menschen haben. Ihnen empfehle ich die Anregungen aus dem Buch kritisch zu prüfen und – wie Sprenger es gern fordert – sich eine eigene Meinung zu bilden und selbstverantwortliche Entscheidungen für ihren Führungsalltag zu treffen.

Aber auch interessierten Mitarbeitern und vor allem Führungskräften in Sandwich-Positionen erlaubt Sprengers Buch einen anderen, neuen Blick auf die Unternehmenspolitik, verbunden mit der Frage: Will ich das? Muss ich alles mitmachen? Wie stehe ich persönlich zur Unternehmenspolitik, besonders wenn sie, wie Sprenger behauptet „übergriffig“ und „distanzlos“ wird? Und wie verhalte ich mich dann konkret gegenüber Kollegen und Mitarbeitern?

In einer kritischen Auseinandersetzung mit den Inhalten dieses Buchs können Führungskräfte und Unternehmenslenker viel für sich und ihr Unternehmen herausholen. Dass Sprenger als Speaker gerne auch kontrovers wahrgenommen werden möchte und damit seine nächsten Auftritte sichert, ist ihm nicht zu verdenken.

Bei aller Kritik im Detail halte ich das Buch für sehr lesenswert, zumal es auch Bezüge zu Sprengers früheren Büchern enthält und diese in eine Gesamtschau einordnet. Es ist niemals langweilig und bietet für jeden Leser eine Menge Infos und Gedankenfutter.

Reinhard K. Sprenger, Das anständige Unternehmen, erschienen 2015 bei DVA, München, 385 Seiten, 26,99 €.

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