Arbeiten Sie noch oder sind Sie schon überflüssig?

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Warum wurden die Pferdekutscher des 19. Jahrhunderts nicht mehr gebraucht? Weil sie sich nicht in der noch besseren Pflege und Verwendung der Pferde weitergebildet hatten? Sicher war das nicht der Grund. Sie wurden durch die Entwicklung des Automobils überflüssig. Eine Frage an Sie persönlich: Wann werden Sie überflüssig, weil die Arbeit, die Sie derzeit machen, nicht mehr gebraucht wird?

Die Geschichte der Pferdekutscher zeigt, dass der eigene Beruf innerhalb weniger Jahre durch technologische Entwicklungen überflüssig werden kann. Die Oxford-Studie „The future of employment“ aus dem Jahr 2013 [1] listet für 702 Berufe auf, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie durch die Digitalisierung überflüssig werden. Das Ergebnis: Fast ein Viertel der untersuchten Berufe wird mit 90% und mehr Wahrscheinlichkeit verschwinden, weitere 20% steht die Wahrscheinlichkeit bei mehr als 70%.

Die Digitalisierung frisst Arbeitsplätze

Beispiele gefällig? Die Digitalisierung wird vor allem Menschen treffen, die relativ einfache Arbeiten erledigen, standardisierte Aufgaben ausführen oder Aufgaben, die durch die Analyse großer Datenmengen zu ersetzen sind. Darunter fallen Telemarketer, Packer, Monteure und Reparateure, Buchhalter, Fahrer, Kassierer, Köche, Verkäufer, Menschen an Schaltern für Auskünfte oder Dienstleitungen sowie Bedienungen.

Nun gibt es auch Berufe, die nach dem heutigen Stand der Technik nicht gefährdet sind. Das sind die Berufe, die soziale Intelligenz, Kreativität sowie Wahrnehmung und manuelles Geschick erfordern. Darunter sind Therapeuten, Chirurgen, Choreographen, Psychologen, Zahnärzte, Naturwissenschaftler, Kuratoren, viele Lehrer, Archäologen, Förster, Coaches, Software-Entwickler, Künstler, Elektroingenieure, Chiropraktiker, Anwälte, Mathematiker, Tierärzte, Musiker und Sänger, Fitness-Trainer sowie Polizisten. Bei Ihnen allen liegt die Wahrscheinlichkeit unter 10%.

Aber das sind die Zahlen von 2013. Es ist davon auszugehen, dass die Wahrscheinlichkeit eher steigt als sinkt, denn die technologische Entwicklung verläuft exponentiell und nicht linear. Autonomes Fahren und Gesichtserkennung durch Software wurden vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten und ist heute Realität, wenn auch noch nicht voll entwickelt. Und selbst für das Spiel Go, dass viel Erfahrung, Intuition und Kreativität erforderlich sind, gibt es inzwischen einen elektronischen Meister. Am 9. März 2016 schlug ein Programm, das vom Google-Ableger DeepMind programmiert wurde, den südkoreanischen Go-Spieler Lee Sedol, einen der besten Spieler weltweit. Das Programm überraschte mit kreativen Zügen, auf die Menschen nie zuvor gekommen waren. Und dabei brauchte das Programm für das Erlernen von Go gerade einmal 1 Jahr, während Lee Sedol Jahrzehnte trainiert hatte. Und 2017 musste sich der Chinese Ke Jie, die aktuelle Nummer eins der Welt, im Duell mit der künstlichen Intelligenz mit 3:0 geschlagen geben.

Die Art der Arbeitsplätze ändert sich und es wird Opfer geben

Entstehen nicht auch neue Arbeitsplätze? Schließlich sind nach Ende der Ära der Pferdekutschen Millionen von neuen Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie und der Zulieferindustrie geschaffen worden. Die Anzahl der Autos weltweit hat 2010 die ungeheure Anzahl von 1 Milliarde überschritten und wächst weiter [2].

In der Tat entstehen durch die Digitalisierung neue Arbeitsplätze. Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus dem Jahr 2016 [3] fallen bis 2025 in Deutschland kaum Arbeitsplätze weg. Hunderttausende von Beschäftigten müssten sich aber beruflich völlig neu orientieren, da ungefähr 1,5 Millionen Arbeitsplätze mit Helferaufgaben und Fachaufgaben wegfallen und in ungefähr gleicher Zahl neue Arbeitsplätze mit komplexen Tätigkeiten und Spezialistentätigkeiten entstehen.

Auch nach Branchen sieht das Bild unterschiedlich aus. Das produzierende Gewerbe bezogen auf die Zahl der Erwerbstätigen wird an Bedeutung verlieren, während vor allem die Branchen „Information und Kommunikation“ und „Erziehung und Unterricht“ profitieren.

Die Digitalisierung wird auch Opfer hinterlassen, denn alle Betroffenen umzuschulen wird nicht möglich sein. Man stelle sich vor, wie eine Kassiererin, die bisher beim Discounter gearbeitet hat, nun Programmieraufgaben übernehmen soll oder eine Tätigkeit als Fitness-Trainerin beginnt. Die Politik täte gut daran, Szenarien für die Entwicklung zu entwerfen und zu überlegen, was mit der Vielzahl von Menschen geschehen soll, für die das Wirtschaftssystem keine Verwendung mehr hat. DAs bedingungslose Grundeinkommen kann hier für die finanzielle Absicherung sorgen. Aufgaben bei der Betreuung älterer Menschen und andere Tätigkeiten im sozialen oder ehrenamtlichen Bereich sind nicht nur aufgrund der demographischen Entwicklung schon jetzt ausreichend vorhanden.

Konsequenzen für Unternehmen und Gewerkschaften

Was bedeutet die nichtlineare Entwicklung für die Unternehmen? Die Unternehmensführungen sind gezwungen, die technologische Entwicklung im Auge zu behalten und abzuschätzen, ob das Geschäftsmodell bedroht ist, um sich dann immer wieder neu zu erfinden. Beispiele aus der Vergangenheit gibt es genug. Toyota baute zunächst Webstühle, bevor 1929 die Produktion von Autos zum Kerngeschäft wurde. Nokia startete 1865 als Papierfabrik, Nintendo produzierte 1889 Spielkarten und das Team von Doo, einer App zur Dokumentenverwaltung, sattelte 2015 mit Scanbot auf das Einscannen von Dokumenten um. [4]

Und was ist mit den Gewerkschaften? Können sie nicht dafür sorgen, dass der Wandel sozialverträglich erfolgt? Das ist in einer globalisierten Welt, in der Unternehmen aber auch Staaten miteinander konkurrieren, nicht leicht. Häufig setzen Gewerkschaften auch an der falschen Stelle an. So ist es den Gewerkschaften in Italien gelungen ist, den ehemaligen Heizer der Dampfloks als zweiten Lokführer ins 21. Jahrhundert zu retten [5] – zum Schaden der italienischen Volkswirtschaft.

In Deutschland kämpfen die Gewerkschaften lieber für Lohnerhöhungen statt dafür, dass den betroffenen Arbeitnehmer Umschulungen bezahlt werden. Es sei hier an die monatelangen Streiks der Lokomotivführer in den letzten Jahren erinnert. Dabei plant die Bahn längst, diese Berufsgruppe zu ersetzen [6]. Schließlich ist das Fahren ohne Zugführer in U- und Hochbahnen längst Realität in Deutschland: in Frankfurt, Düsseldorf und Nürnberg fahren führerlose Züge. „Die Aufgaben des Lokführers und des Fahrdienstleiters werden in Zukunft immer mehr verschmelzen“, sagte der frühere Bahnchef Rüdiger Grube der WirtschaftsWoche schon 2016. „Züge könnten dann in ein bis zwei Jahrzehnten aus der Betriebszentrale gesteuert werden.“ [7]

Es wird sicher zeigen, ob die Gewerkschaften hier lieber den aussichtslosen Kampf gegen eine nicht aufzuhaltende Entwicklung aufnehmen, oder die fachliche Weiterentwicklung der Beschäftigten zum Kernpunkt ihrer Forderungen macht.

Orientieren und Handeln: die Maxime für den Einzelnen

Was heißt das alles für Sie und Ihre persönliche berufliche Karriere? Beobachten Sie die technologische Entwicklung Ihrer Branche. Inwieweit ist Ihr Unternehmen oder Ihr Arbeitsplatz bedroht? Legen Sie einmal jährlich einen Orientierungsstopp ein:

  • Was hat sich in Ihrer Branche und auf dem Markt verändert?
  • Welche Entwicklungen haben jetzt oder in naher Zukunft Einfluss auf Ihren Arbeitsplatz?
  • Welche Weiterbildung ist von Vorteil für Sie?
  • Wo müssen Sie sich verändern?
  • Ist es notwendig, dass auch Sie sich völlig neu erfinden?
  • Welche Kompetenzen brauchen Sie dazu? Bauen Sie dazu auf Ihren bestehenden Kompetenzen auf. Wie Sie Ihre Kompetenzen herausarbeiten, erfahren Sie im Kurs „Karriere managen: Kompetenzen professionell darstellen.“

Der Zug des technologischen Fortschritts nimmt weiter Fahrt auf. Die Frage für jeden Einzelnen, für die Unternehmen und die Arbeitnehmervertretungen ist es, ob man mit an Bord ist oder abgehängt wird. Rechtzeitige Orientierung hilft die Chancen abzuschätzen Entscheidungen zu treffen und den Kurs immer wieder neu zu setzen.

Quellen:

[1] Carl Benedikt Frey, Michael A. Osborne: The future of employment: How suceptible ere jobs to computerisation, September 2013
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftszahlen_zum_Automobil, aufgerufen am 13.08.2017
[3] Marc Ingo Wolter et al., Wirtschaft 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Ökonomie, Szenario-Rechnungen im Rahmen der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen, 2016
[4] https://upload-magazin.de/blog/13968-business-pivot-beispiele/, aufgerufen am 13.08.2017
[5] https://www.welt.de/wirtschaft/article149696789/Der-italienische-Wahnsinn-mit-den-zwei-Lokfuehrern.html, aufgerufen am 13.08.2017
[6] http://www.n-tv.de/der_tag/Bahn-tueftelt-an-Zuegen-ohne-Lokfuehrer-article19578437.html, aufgerufen am 13.08.2017
[7] http://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/deutsche-bahn-bahn-will-flotten-mit-autonom-fahrenden-autos-entwickeln/13549080.html, aufgerufen am 13.08.2017

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