Hilfe für die „Generation orientierungslos“

 in Generationen, Kompetenzen, Lernen, Orientierung

Jungen Menschen der Generation Z wird häufig vorgeworfen, sie wären orientierungslos und wüssten nicht, was sie wollen. Vielleicht liegt das aber nicht an den jungen Menschen selbst, sondern daran, dass sie zu wenig Gelegenheit haben, auszuprobieren und sich Orientierung zu verschaffen. Die Zentralbibliothek in Helsinki zeigt, wie einfach es ist, Menschen ein Spielfeld zum Experimentieren und Ausprobieren zu geben.

Zu Beginn des Ausbildungsjahres geistert es wieder durch die Medien: Das Gespenst der „Generation orientierungslos“. Junge Menschen wüssten nicht, was sie wollten und würden daher zu häufig die falsche Wahl treffen und Studium oder Ausbildung zu häufig abbrechen. Das mag in vielen Fällen richtig sein, aber ist es wirklich immer die Schuld der jungen Generation? Ist es nicht die Aufgabe von Eltern, Unternehmen, Universitäten und auch der öffentlichen Verwaltung, die Gelegenheit zur Orientierung zu bieten?

Helsinki zeigt, was möglich ist

Vor einigen Wochen war ich mehrfach in der Zentralbibliothek der finnischen Hauptstadt Helsinki zu Besuch. Natürlich gibt es in der Zentralbibliothek Bücher und Zeitschriften für alle Altersgruppen in Finnisch und Schwedisch (der zweiten Amtssprache Finnlands) und auch in den wichtigsten europäischen Sprachen. Für das Lesen elektronischer Materialien steht mit dem „Hublet“ ein ausleihbares Tablet zur Verfügung, das – natürlich – von einem finnischen Startup aus Helsinki stammt.

 

Hublet – ein spezielles Tablet für elektronische Inhalte von öffentlichen Bibliotheken.

Die Zentralbibliothek in Helsinki residiert in einem futuristischen Bau.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was die Zentralbibliothek alles leistet

Das Angebot wird bereitwillig angenommen. Scharen von jungen Müttern und Vätern mit ihren Kindern pilgern in die Bibliothek, um dort ihren Kleinen vorzulesen und sich mit anderen Eltern auszutauschen.

Was den Besuch der Zentralbibliothek aber wirklich lohnend macht, ist die Tatsache, dass hier nicht nur gelesen wird. Hier ist viel mehr möglich:

Die Bibliothek bietet mehr als die üblichen Bücher und Zeitschriften.

  • Familien nutzen die vorhandenen Gesellschaftsspiele, um gemeinsam zu spielen. Auch elektronische Spiele über das Netzwerk sind hier vorhanden.
  • Du brauchst einen ruhigen Arbeitsraum, um zu lernen oder ein ungestörtes Gespräch per Skype zu führen? Kein Problem. Die Zentralbibliothek hat mehrere davon.
  • Du brauchst einen etwas größeren Meetingraum, weil ihr geviertelt gemeinsam ein Unternehmen gründen und erste Gespräche dazu führen wollt. Auch das ist vorhanden.
  • Du willst einen Song mit einer Gitarre aufnehmen und brauchst ein Studio? Dann miete dir einen Studioraum.
  • Du willst YouTube Videos produzieren und hast kein Studioequipment? Miete dir einen schalldichten Raum in der Zentralbibliothek, und leg einfach los.
  • Du wolltest immer schon mal eine Nähmaschine ausprobieren und sehen, ob du für Design und Schneiderei ein Händchen hast? Dann benutze die Nähmaschinen. Natürlich gibt es auch ein Bügelbrett und ein Bügelbrett.
  • Du willst allein oder mit anderen zusammen eine App programmieren. Nutze die Rechner mit der entsprechenden Programmierumgebung in der Zentralbibliothek.
  • Du hast noch nie etwas auf einem 3D-Drucker ausgedruckt? Software und mehrere Drucker sind vorhanden.
  • Du brauchst T-Shirts für eine Veranstaltung? Entwirft die Designs in der Zentralbibliothek und drucke sie auf dem großen Plotter aus.
  • Du willst dich mit Robotertechnik auseinandersetzen und eigene Robots konstruieren? Besuch die entsprechenden Kurse in der Bibliothek.

Alle Räume, Maschinen und Services können zu einem geringen Preis genutzt werden und die Zentralbibliothek ist selbstverständlich 7 Tage die Woche geöffnet.

Ein Ort zum Wohlfühlen

Dabei ist das Gebäude selbst ein attraktiver Ort. Modernes Design, Wohlfühlatmosphäre und die Möglichkeit, einen Kaffee oder eine Limonade zu trinken, machen die unweit des Hauptbahnhofs von Helsinki gelegene Zentralbibliothek zu einem wahren Magneten für die Einwohner der finnischen Hauptstadt. Touristen aus anderen Ländern staunen hier häufig. So schlägt Finnland gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Ein großartiges Angebot für die eigene Bevölkerung zu bieten. Nach außen hin zu zeigen, wie stark sich das Land mit nur 5,5 Millionen Einwohnern für die Bildung engagiert. Perfektes Marketing in eigener Sache. Die Pisa-Studie und der UNESCO-Weltbildungsbericht eben Finnland recht.

Lesen und genießen auf dem Dach der Zentralbibliothek in Helsinki.

Der wichtigste Tipp für junge Menschen: „Nehmt Euch Zeit.“

Was können junge Menschen nach dem Ende der Schulzeit selbst unternehmen, um sich Orientierung zu verschaffen? Wer bisher nicht (ausreichend) über seine Zukunft nachgedacht hat, der sollte sich erst einmal Zeit nehmen und kritisch darüber nachdenken, was er oder sie wirklich will. Wichtig ist dabei, das Leben selbst in die Hand zu nehmen und selbstständig zu agieren: Von zu Hause ausziehen, selbst Erfahrungen sammeln, den Führerschein machen, sich eigenständig mit Behörden und dem dazugehörigen „Papierkram“ auseinandersetzen, reisen oder jobben. Und das alles möglichst ohne die Eltern, weder beim Planen noch bei der Durchführung.

Universitäten mit Erlebnis-Campus?

Bei meinen Reisen durch Deutschland und das benachbarte Ausland, fällt mir immer wieder auf, welche großen Unterschiede es zwischen den einzelnen Institutionen gibt. Bei manchen ist der Campus reduziert auf die Gebäude der einzelnen Fachbereiche und etwas Grünfläche mit Bänken und Tischen zum Sitzen. Der Hauch von Vergangenheit und Stillstand umweht diese Umgebung. Das sind keine Orte, an denen man sich länger als nötig aufhalten möchte.

Andere Universitäten sind da schon weiter, sie konzentrieren möglichst viele Aktivitäten auf dem Campus. Ein Beispiel hierfür ist die Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Auf dem Gelände, dem man leider noch ansieht, dass sich hier einmal eine Kaserne befand, vermischen sich Studium, Lernen und Freizeit. Ob Cafés mit Außenanlagen, Campus TV, Theateraufführungen im Hörsaal P1 des Philosophicums – vieles ist in Mainz schon so, wie man sich das wünscht. Da wundert es nicht, dass die Universität auf den nächsten sieben Jahre Förderung aus dem Topf für Exzellenzcluster erhält.

Trotzdem können deutsche Universitäten noch viel verbessern. Wo sind Veranstaltungen für Familien an den Wochenenden, an denen bereits Kinder an Wissenschaft und Technik, Theater, Philosophie oder andere Fachgebiet herangeführt werden? Wer als Kind bereits viel kennengelernt hat, der gehört später bestimmt nicht zu einer Generation, die orientierungslos ist und nicht weiß, was sie beruflich machen will. Hier lohnt ein Blick nach Kalifornien an die Universität von Stanford. Hier hat man das Prinzip schon länger verstanden und rekrutiert zukünftige Studenten ganz gezielt durch Veranstaltungen, die einfach Spaß machen.

Was können Unternehmen tun?

Erfahrungen aus meiner Beratungspraxis zeigen, dass sich junge Menschen ungern gleich für eine Ausbildung entscheiden, ohne dass sie wissen, was sie wirklich erwartet. Der Einstieg sollte niederschwelligen erfolgen und keine große Hürden bereithalten. Vorträge, Schnuppertage und Praktika sind nicht nur etwas für große Unternehmen, auch der Mittelstand kann hier viel für den zukünftigen Nachwuchs tun. Dabei sollte es auch möglich sein, in verschiedene Bereichen des Unternehmens reinzuschnuppern. Warum sollte sich jemand, der sich zunächst in der Verwaltung einen Eindruck geschafft hat, nicht später in der Produktion arbeiten?

Hier eine kurze Checkliste für Unternehmen:

  • Bieten Sie Vorträge im Unternehmen für möglich Kandidaten an?
  • Ist es möglich, bei Ihnen tageweise, vielleicht sogar stundenweise, in verschiedenen Abteilungen Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln?
  • Haben Sie ein Konzept, um jungen Menschen die Vorzüge einzelner Berufe näherzubringen? Wer von Ihren Beschäftigten engagiert sich außerhalb der normalen Arbeitszeit dafür?
  • Haben Sie Beschäftigte aus der Generation Z, die als Botschafter über Social-Media-Kanäle fungieren und die sie auch bei Veranstaltungen aktiv mit einbinden?

Die beste Hilfe ist die Starthilfe

Wie die Beispiele Helsinki und Stanford zeigen, ist es gar nicht so schwer, jungen Menschen die Gelegenheit zu geben, Erfahrungen zu sammeln. Wer aber meint, dass dies zum Nulltarif zu haben ist, der irrt sich. Vielmehr braucht es öffentliche Räume mit einladender Ausstattung, die junge Menschen dazu einladen, sich mit Dingen zu beschäftigen, die sie vorher noch nie gemacht haben. Wer es dann noch schafft, Hands-on-Kurse zum Taschengeldpreis anzubieten, der ist auf dem richtigen Weg.

Wer sich über die Generation Z aufregt, sollte sich als zunächst einmal selbst fragen, was er tut, damit sich die jungen Leute Orientierung verschaffen können.  Unternehmen, Universitäten, Städte, Schulen und öffentliche Verwaltung sind aufgerufen, neue Konzepte zu entwerfen. Meine Beratungen bei Unternehmen und öffentlicher Verwaltung zeigt, dass dies gar nicht so schwer ist. Weitere Infos anfordern unter info@juergenwulff.de.

(Alle Fotos in diesem Beitrag: Jürgen Wulff)

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